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Erste Hilfe für die Seele Süddeutsche Zeitung am 27. März 2004 Wenn der Tod nach Hause kommt – unterwegs mit
Menschen, die furchtbare Nachrichten überbringen. Wie die Mitglieder des
Münchner Krisen-Interventions-Teams den Angehörigen von Unfallopfern helfen,
die Stunden des Schreckens zu überstehen.
Von Annette Ramelsberger
München, im März – Er steht schon vor der Tür.
Gerade will er auf die Klingel drücken, da hört er die Frau hinter der
dünnen Eingangstür sprechen. Sie telefoniert mit einer anderen Mutter,
fragt, wo denn heute Mittag die Kinder so lang bleiben. Der Mann vor der Tür
riecht den Kartoffelauflauf, der im Ofen steht. Warm gestellt für die
Tochter. Er hört die Frau weitersprechen. „Ach so, es ist was mit der
Straßenbahn“, sagt sie ins Telefon. Der Mann draußen holt kurz Luft, dann
drückt er auf die Klingel. Im nächsten Augenblick wird die Frau wissen, was
mit der Straßenbahn ist.
Die Tür geht auf. Die Frau sieht zwei Polizisten vor sich und einen großen
Mann in einer roten Rettungsweste. Ihre Augen werden starr. Sie weiß es,
bevor er es sagt: „Es tut mir unendlich leid, aber ich muss Ihnen mitteilen:
Ihre Tochter ist verstorben.“
Nein. Sie sagt nur Nein. Hinter den Augen der Frau sieht er einen Sturm
losbrechen. Aber er hört nur dieses kleine, ganz stimmlose Nein. Der Mann
ist 1,98 Meter groß. Er füllt die ganze Tür aus. Über die Schulter der Frau
hinweg kann er ins Esszimmer sehen. Dort steht der Teller für die Tochter,
ihre Tasse, ihr Besteck. „Ihre Tochter ist unter die Straßenbahn gekommen.
Sie war sofort tot“, sagt er. Er führt die Frau nicht erst zum Sofa, er
lässt sie sich nicht erst setzen, er stellt ihr kein Glas Wasser hin. Er
sagt: „Ihre Tochter ist tot.“ Er sagt, was zu sagen ist. Der junge Polizist
neben ihm ist blass geworden.
Peter Zehentner hat den Tod ins Wohnzimmer gebracht. Die Menschen, denen er
die Nachricht übermittelt, erinnern sich später kaum an ihn – so wenigstens
haben sie es ihm immer erzählt. Sie sehen sein rundes, freundliches Gesicht,
aber es kommt nicht bei ihnen an. Sie hören seine Stimme, doch sie bleibt im
Gedächtnis nicht haften. Sie spüren nur, was er tut. Wenn er es nicht täte,
wäre das Schreckliche noch schlimmer. Deshalb kann er so voller Überzeugung
diesen verstörenden Satz sagen: „Todesnachrichten – die mach ich gern.“ Weil
er dabei das Gefühl hat, das Grauen wenigstens annehmbarer zu machen.
„Wir sind die Eltern“
Alles, was Zehentner tun kann, ist zu bleiben. Er
flieht nicht vor dem Tod. Er hält diesen Schmerz aus, der so gewaltig ist,
dass ihn Uniformierte überbringen müssen. Selbst im Film blenden sie nach
einer solchen Nachricht aus. Nur der Mensch, den der Schmerz trifft, der
kann nicht ausblenden. Er steht da, allein mit dem Tod und dem, der ihn
gebracht hat.
Das, was Zehentner macht, ist Erste Hilfe für die Seele. Er nimmt sich Zeit,
wenn Polizei und Rettungssanitäter abgezogen sind. Er legt die Beine des
Vaters hoch, der bei der Nachricht zusammenbricht. Er bringt die
pubertierende Schwester weg, die jetzt nichts ertragen kann, am wenigsten
ihre eigene Familie. Er fährt die Mutter ins Pflegeheim, um dem Opa zu
berichten, dass die Enkelin tot ist. Dann, wenn die Familie den ersten
Schock überstanden hat, geht er wieder.
Zehentner ist gelernter Koch. Er hat im Münchner Hofbräuhaus gearbeitet. Als
Zivildienstleistender hat er in Leipzig für Menschen gekocht, die nach
Unfällen auf der Autobahn nicht weiter konnten. Und dabei gemerkt, dass die
Leute nicht nur essen wollen, sondern vor allem reden. Später ist er
Sozialarbeiter geworden. Jetzt ist er 36 Jahre alt und Leiter einer
Initiative, die mittlerweile bundesweit als Vorbild gilt: das Münchner
Krisen-Interventions-Team (KIT). 56 Menschen arbeiten hier im Haus des
Arbeiter-Samariter-Bundes, 56 Menschen, die sich um die kümmern, die übrig
bleiben, wenn der Tod gekommen ist. Ein- bis zweimal im Monat fahren die
Helfer ihre Schicht, mitten in der Nacht, am frühen Morgen, an ihrem freien
Tag. Ehrenamtlich. Für genau 35 Euro pro Tag. Seit zehn Jahren nun schon.
Vor 16 Jahren, 1988, ist in München schon einmal ein Straßenbahnunglück
passiert. Da war ein kleiner Junge mit dem Fahrrad unter die Bahn geraten,
vor den Augen der Mutter. Die Rettungssanitäter versuchten alles, um das
Kind zu retten. Doch es half nichts. Ärzte, Sanitäter und Polizisten liefen
durcheinander. Am Rand stand ein Paar. Keiner kümmerte sich um sie. Ein
junger Sanitäter bemerkte sie. „Haben Sie etwas mit dem Kind zu tun?“ fragte
er die beiden. „Wir sind die Eltern.“ Als das Kind mit Blaulicht ins
Krankenhaus gebracht wurde, lud der Sanitäter die Eltern gegen die
Vorschrift in seinen Rettungswagen und fuhr sie hinterher. Die Eltern
sollten wenigstens in der Nähe ihres toten Kindes sein. Sie sollten nicht
auf der Straße stehen bleiben. Damals wurde die Idee geboren, Menschen
beizustehen, die gerade die schlimmste Nachricht ihres Lebens erhalten
haben.
Das Mädchen versteht nichts. Ihre Klassenlehrerin hat sie vor die Tür
gerufen. Auf dem Schulgang steht ein Mann in roter Rettungsweste, den sie
noch nie gesehen hat. Kurze Haare, rot geränderte Augen, Bartstoppeln. Er
ist seit fünf Uhr morgens unterwegs. „Es tut mir leid, Ihr Vater ist tot“,
sagt der Mann.
Das Mädchen schüttelt unwillig den Kopf. „Wie, jetzt nochmal“, sagt sie.
Andreas Hänsel wiederholt es. Er kommt gerade aus der Wohnung, wo der Tote
noch auf dem Teppich liegt.
Vor eineinhalb Stunden ist der Vater zusammengebrochen. Herzinfarkt, völlig
überraschend. Drüben im Sekretariat hat die Mutter lange gestanden, bevor
Andreas Hänsel in die Klasse ging. Sie hatte Angst. Angst davor, wie sie es
ihrer Tochter beibringen soll. Angst davor, ob die ihr verzeihen kann. Ihr,
die daneben stand, als der Vater fiel, und die nicht helfen konnte. Wo das
Mädchen doch so sensibel ist, so talentiert, so eine Vater-Tochter. „Sie
wird ausrasten“, sagte die Mutter. „Sie wird die Schule schmeißen.“ Man
konnte sehen, wie ihre Angst wuchs. Die Tränen versiegten, die Fingerknochen
traten vor Anspannung weiß unter der Haut hervor.
Im Wohnzimmer zu Hause hatte sie es schon hinausgeschoben. „Lass Sie doch in
der Schule“, sagte die Cousine, die bei ihr auf dem Sofa saß. „Lass ihr noch
ein paar unbeschwerte Stunden. Sie erfährt es früh genug.“ Andreas Hänsel
setzte sich der Witwe gegenüber. Ihr Blick schweifte von ihm zur Cousine und
zurück. „Sie sollten es Ihrer Tochter so schnell wie möglich mitteilen“,
hatte er gesagt. „Warten nützt nichts. Es wird mit jeder Minute
schwieriger.“ Der Blick der Witwe blieb an Hänsel hängen. Sie folgte ihm,
und sie fuhren zur Schule.
Das Mädchen schaut durch Hänsel hindurch. „Ja, Ihr Vater ist tot“, sagt
Andreas Hänsel. Das Mädchen wirft den Ranzen durchs Schul-Sekretariat. Sie
fährt Hänsel an, als der erzählen will, wie der Vater gestorben ist. Dass er
sofort, noch im Fallen, tot war. Dass er keinen Schmerz verspürt hat. „Das
will ich nicht wissen“, faucht sie. „Das ändert nichts.“ Die Mutter redet.
Atemlos, als müsste sie beichten. Wie der Vater gefallen ist, wie sie
versucht hat, ihn zu beatmen, wie sie sein Herz massiert hat. Eine halbe
Stunde lässt Hänsel die beiden so zusammen, dann bringt er sie zum Wagen
zurück. Die Tochter stützt jetzt die Mutter. Auf dem Schulhof fängt die
Witwe plötzlich zu zittern an. Sie spürt die Kälte. „Mein Gott“, sagt sie,
„ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen.“ Da weiß Hänsel, dass sie
wieder ins Leben zurückgekommen ist.
Es sind erstaunliche Menschen, die da freiwillig dem Tod ins Auge sehen.
Menschen, die Brüche in ihrem Leben haben, Menschen, die erlebt haben, was
es bedeutet, zu verlieren und weiterzuleben: ein Koch, ein Theaterregisseur,
ein Philosoph. „Einen geraden Lebensweg hat hier keiner“, sagt Zehentner.
Andreas Hänsel zum Beispiel. 50 ist er jetzt, in seinem früheren Leben war
er Intendant der Erlanger Bühne, als Chef des Münchner Volkstheaters im
Gespräch. Ideenreich, voller Einsatz, lobten die Kritiker damals. 1998 wurde
sein Vertrag dennoch nicht verlängert. Und er fiel in ein tiefes Loch.
Oder Andreas Müller-Cyran, der junge Mann, der einst die allein gelassenen
Eltern ihrem toten Kind hinterher fuhr. Einer, der seine Magisterarbeit über
den Selbstmord geschrieben und dann selbst erlebt hat, wie der Tod nach ihm
griff: 29 war er, als er an Krebs erkrankte. Sein kleiner Sohn Jonas war da
noch kein Jahr alt. Der junge Vater wurde chemotherapiert. Ein Jahr später
wagten er und seine Frau sich an ein zweites Kind. Heute sind Pia und Jonas
neun und zwölf Jahre alt. Und Müller-Cyran ist gesund.
Es ist ganz still an diesem Abend in dem kleinen, voll gestellten
Wohnzimmer, in dem ein Eichenschrank alles erdrückt. Still und heiß ist es.
Die Uhr tickt laut. Tickt und tickt und tickt. Es wird sieben, es wird acht.
Keiner redet. Nur die Frau stöhnt manchmal. Sie sitzt da in ihrem großen,
braunen Ledersessel und wartet. Nebenan in der Küche liegt ihr Mann. Er hat
noch den Mantel an. Die Augen sind nur halb geschlossen. Er liegt da, als
würde er sich nur ausruhen.
Draußen im Flur stehen drei Polizisten. Zwei Stunden warten sie jetzt schon.
Sie dürfen nicht gehen, bevor nicht der amtliche Leichenbeschauer bestätigt,
dass es ein natürlicher Tod war. Drinnen im Wohnzimmer sitzt die Witwe.
Andreas Müller-Cyran sitzt bei ihr. Er hat ihr den Blutdruck gemessen. Er
hat sie gefragt, ob sie eine Kerze anzünden will. Nun schweigt er mit ihr.
Manchmal bleibt nur Schweigen.
Gleich klingelt das Handy
Eigentlich war Müller-Cyran gerade mit seiner
Tochter Pia unterwegs zum Infoabend fürs Gymnasium. Das war lange geplant.
Kaum war er mit Pia und ihrer Freundin im Auto um die erste Ecke gebogen,
ging der Alarm los. Müller-Cyran setzte die beiden Mädchen in die S-Bahn. An
diesem Abend sieht er Pia nicht mehr. Er bleibt bei der Witwe und kommt erst
zurück, als Pia längst schläft.
Müller-Cyrans Familie ist daran gewöhnt, dass ihr ständig der Vater abhanden
kommt. Seitdem sich herumgesprochen hat, wie sinnvoll die Arbeit des
Krisen-Teams ist, wird er oft gerufen: zum Schulmassaker nach Erfurt, zum
Concorde-Absturz nach Paris, zum Zugunglück nach Eschede, am 11. September
nach New York.
„Verdammt, könnte er nicht bei Siemens arbeiten und um fünf Uhr heimkommen
und am Wochenende mal seine Ruhe haben?“ Manchmal fragt sich Burgl
Müller-Cyran, 39, schon, was sie sich da für ein Exemplar von Mann
ausgesucht hat. Wenn sie wieder mal den Familienausflug abbrechen müssen,
weil das Autoradio von einem Busunglück berichtet. Und alle wissen, dass
jetzt gleich das Handy klingelt. „Ich möcht das nicht machen, was er macht“,
sagt sie. „Aber ich bin vom Sinn seiner Arbeit überzeugt.“
In dem Reihenhaus der Familie schlingen sich die beiden Enden des Lebens
fest ineinander: Anfang und Ende, der Mann für das Sterben und die Frau für
die Geburt. Burgl Müller-Cyran ist Hebamme. Am Frühstückstisch fragen die
Kinder, wo der Vater denn nachts wieder gewesen ist. Er sagt dann: „Da ist
jemand gestorben, und ich habe mich um die Familie gekümmert.“ So wie sich
die Mutter eben um Familien kümmert, die gerade ein Kind bekommen haben. Für
die Kinder ist das dann klar. Nur manchmal entlädt sich die Spannung, die
der Vater erlebt, in der Familie. Jonas war sieben, sie überquerten gerade
die Donnersberger Brücke, unter ihnen fuhr ein ICE in den Münchner Bahnhof
ein. Und Jonas wollte jetzt plötzlich dringend wissen, was der Vater in den
letzten Tagen Spannendes erlebt habe. „Da habe ich ihn ganz schön
angefahren“, sagt Müller-Cyran. Er war beim Zugunglück in Eschede gewesen.
„Einen Glauben brauchst schon“, sagt Burgl Müller-Cyran. „Zäh musst du sein
und den Rückhalt haben, dass nicht alles aus ist, wennst stirbst.“ Man hat
keinen Zweifel, dass diese Frau genau die Erdung ist, die ein Mensch wie
Müller-Cyran braucht: eine gestandene, ungekünstelte Niederbayerin.
Seit zwei Stunden sitzt Müller-Cyran jetzt schon in dieser stillen Wohnung.
Hört die Uhr ticken und die Witwe stöhnen. Dann kommt die
Leichenbeschauerin. Sie dringt wie ein Föhnsturm in die heiße, dumpfe
Sprachlosigkeit. Eine Leichenbeschauerin mit sehr blonden Haaren und sehr
großen Augen. Strahlenden Augen. Immer Dienstags ist Karen Hendrix, 41, die
amtlich bestellte Leichenbeschauerin für München. Tagsüber arbeitet sie als
Ärztin bei einer Versicherung. Und abends steht sie in ihrem griechischen
Restaurant. Auch eine mit gewundenem Lebenslauf.
Jetzt schneidet sie dem Mann in der Küche die Kleider vom Leib. „Ist es Ihre
erste Leiche“, fragt sie den jungen Polizisten im Flur. „Na, dann schauen
Sie mal zu.“ Drüben im Wohnzimmer fängt Müller-Cyran mit der Witwe zu
sprechen an. Er will nicht, dass die Frau die ratschenden Schnitte der
Schere hört. „Nehmen Sie sich Zeit, sich von ihrem Mann zu verabschieden“,
sagt er der Witwe. „Sie müssen nicht sofort den Bestatter holen.“ Inzwischen
haben die Polizisten den Toten ins Schlafzimmer getragen, aufs Ehebett
gelegt und zugedeckt. Jetzt, wo sie wieder alleine ist, streichelt die Frau
ihrem toten Mann über die Stirn. „Er wird schon ganz kalt“, murmelt sie. Sie
bleibt bei ihm die ganze Nacht.
Karen Hendrix, Ärztin und Restaurantbesitzerin, raucht noch eine draußen vor
der Tür. „Meinen Dienstags-Job würd’ ich nicht mehr hergeben“, sagt sie. Es
ist nicht nur der tiefe Blick ins ungeschminkte Leben, der sie anzieht. Sie
will die Dinge des Lebens ordentlich zu Ende bringen. Mit exakter
Leichenschau, mit genauer Todesursache. Sie will keine Frage der Angehörigen
offen lassen. Und geht dann mit dem Gefühl, „etwas dagelassen zu haben, mit
dem die Familie weiterleben kann“.
Sie selbst hat ja auch weiter gelebt. Knapp. Drei Tage ist sie am Totenbett
ihres Verlobten gesessen, bis er starb. Danach war sie nicht mehr im Leben,
aber auch nicht tot. Ihre Sinne spielten verrückt. Die Farben leuchteten so
anders. Eine Kollegin meldete sie beim Psychotherapeuten an. „Ich wäre fast
drauf gegangen“, sagt Karen Hendrix. In ihren Augen schimmert es jetzt. Es
ist kalt hier draußen vor der Tür.
„Es wird beim 100. Mal nicht einfacher“, sagt Müller-Cyran. „Ich bin mit dem
Tod nicht vertraut geworden.“ Er kann nicht akzeptieren, dass sich ein
Familienvater erhängt oder ein Kind unter die Bahn kommt. Er ringt mit dem
Tod – jedesmal. Aber ringen ist besser als hilflos ertragen. Die Menschen,
auf die Müller-Cyran trifft, sind in einer Ausnahmesituation. Sie erleben
etwas, was in der Spaß-Gesellschaft nicht vorgesehen ist: den Tod. Den Tod
vor ihren Augen. Ganz weich, ganz ohne schützende Schale sind diese
Menschen. Deshalb geben die Helfer auch so acht, dass sie ihnen nicht zu
nahe treten. Sie raten nur, sie steuern nicht.
„Man ist in der Situation wie eine entmündigte Marionette“, sagt Maria Cossu,
die ihr Baby durch den plötzlichen Kindstod verlor. Damals kam zu ihr ein
Krisen-Helfer. Wenn er ihr geraten hätte, Valium zu nehmen, sie hätte Valium
genommen. Wenn er ihr geraten hätte, den älteren Sohn – bis alles vorbei ist
– zu Verwandten zu geben, sie hätte es getan. Und es später bereut wie so
viele andere, die den Schmerz nur betäuben statt zu verarbeiten. Und die
verhindern, dass sich ihre Kinder vom Toten verabschieden, weil sie sie
schonen wollen.
„Oft hängt der versäumte Abschied vom Toten den Menschen ein Leben lang
nach“, sagt Marion Krüsmann, Traumatherapeutin an der Universität München.
Sie behandelt Menschen, die aus ihrem Schmerz nicht mehr herausfinden. Und
weiß, wie wichtig es ist, Helfer zu haben, die einem in diesem Moment
größter Verwirrung zur Seite stehen. „Es sind diese unwiederbringlichen
Momente, in denen eine Mutter spürt, wie ihr Kind langsam kälter wird“, sagt
Krüsmann. „Nur so kann sie Abschied nehmen.“
Ein Freund im Chaos
Für viele ist der Helfer vom KIT so etwas wie ein
Freund im Chaos. Der Partner in einer Freundschaft, die festen Regeln
unterliegt: Wenn sich jemand an die Schulter der Helfer lehnen will – gerne.
Wenn jemand ihre Hand halten will – natürlich. Aber die Helfer dürfen sich
selbst nicht anlehnen. Sie gehen, sobald sie merken, dass die Menschen
wieder selbstständig werden. „Wir rollen nicht unsere Isomatte aus und
bleiben über Nacht“, sagt KIT-Chef Zehentner. Seine Leute wissen: Wer die
Nähe der Trauernden zu sehr sucht, hat oft selbst keinen festen Grund. Der
richtet sich an ihrem Leid auf. Wenn das KIT so etwas bemerkt, dann trennt
es sich von einem Helfer.
Aber es gibt Erlebnisse, die den Helfern selber helfen – dann, wenn sie
erleben, wie stark, wie warmherzig Menschen im Angesicht des Todes sein
können. Zehentner zum Beispiel, der eine Witwe betreute, die mit ihrem Mann
vor zwei Wochen von Hannover nach München gezogen war, wegen der guten Luft.
Und dann fiel der Mann tot um. Die Witwe kannte niemanden, nur den
türkischen Gemüsehändler am Eck. Als der von dem Todesfall hörte, packte er
eine Kiste mit Gemüse, sperrte den Laden zu und ging zu der Frau, um sie zu
bekochen. „Man muss ordentlich essen, um richtig trauern zu können“, sagte
er.
Andreas Hänsel wurde letztes Jahr zu einem S-Bahn-Unglück gerufen. Ein
junger Mann hatte sich vor den Zug geworfen. Und eine junge Frau stand neben
den Gleisen und weinte bitterlich. Der junge Mann war Kunststudent gewesen
wie sie. Sie hatten sich einmal geliebt. Sie hatten sich getrennt, schon vor
Monaten. Sie mochten sich noch immer. Es war nicht mehr viel übrig von
diesem jungen Mann, nachdem die S-Bahn über ihn hinweg gerast war. Das
einzig Unversehrte war seine Hand. Hänsel zog den Reißverschluss des
Leichensacks auf, in dem der Körper lag, die junge Frau setzte sich auf die
Erde, sie nahm diese Hand und streichelte sie. Es war ein Sommermorgen, der
Tau glitzerte auf den Gräsern, und da saß diese Frau und streichelte die
tote Hand. „Ich tanke da Leben auf“, sagt Hänsel. Leben aus dem Tod.
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Publiziert am: Mittwoch, 30. Mai 2007 (4453 mal gelesen)
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