www.wollen-wir-das-wirklich.de
 Suchen nach:  in   
   Home | Kontakt | Impressum 
Menü  
 Home
 KIT-München
   Informationen
   Jahresberichte
   Statistik
 KIT-Akademie
   Informationen
   Kursangebote
   Flyer
   Anmeldeformular
 Hilfen für Betroffene
   KITz Kinderprojekt
   Kontaktformular KITz
   Links
 Sonstiges
   Allg. Informationen
   Downloads
   Online Spenden
   Gästebuch
   Empfehlen Sie uns
   Pressespiegel
   Administrator

Stellungnahme zum Süddeutschen Zeitungsartikel vom 19.09.2007

von Dr.phil.Andreas Müller Cyran

Stellungnahme zum Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 19.09.2007 von Dr. phil. Andreas Müller-Cyran.

Bei dem Artikel handelt es sich um einen populärwissenschaftlichen Beitrag, der deutlich

einem konkreten berufsständischem Interesse verpflichtet ist. Der Autor des Artikels, Nikolas

Westerhoff, hat in seiner Recherche Argumente aufgegriffen, die die Sichtweise der

Bundespsychotherapeutenkammer und der niedersächsischen Psychotherapeutenkammer

kennzeichnen und stützen. Die in dem Artikel enthaltene Polemik wendet sich zunächst gegen

die Notfallpsychologie, die vom Bund Deutscher Psychologen (BDP) vertreten wird. Leider

kann der Artikel auch so gelesen werden, dass jede peritraumatische, früh einsetzende

Intervention für traumatisierte Menschen in den Verdacht kommt, zu schaden.

Der Begriff des Debriefings wird, wie in vielen nicht nur populärwissenschaftlichen

Veröffentlichungen, für jede Form von Gruppenintervention verwendet und entspricht nicht

dem Begriff und Verständnis von Debriefing, wie er in einem durch die International Critical

Incident Stress Foundation (ICISF) oder SbE-Bundesvereinigung zertifizierten Kurs

vermittelt wird. Entgegen dem ersten Satz des Artikels findet das Debriefing frühestens 5

Tage nach dem Ereignis statt. Leider wird im Artikel nicht nach Zielgruppen unterschieden:

Debriefings werden ausschließlich für Einsatzkräfte durchgeführt, nie jedoch für

Hinterbliebene oder überlebende Betroffene. Ein Ziel (unter anderen) des Debriefings liegt

darin, das durch den belastenden Einsatz verloren gegangene Kohärenzgefühl (Wahrnehmung

einer inneren Stimmigkeit) wieder herzustellen. Dabei geht es eben nicht um eine emotionale

Stimulierung. Nur wer mit Einsatzkräften nach belastenden Situationen noch nie gearbeitet

hat kann behaupten, dass das Wissen um die Normalität einer Akuten Belastungsreaktion

(Psychoedukation) nicht als bedeutende Entlastung wahrgenommen wird. Im Debriefing wird

kein Schrecken nacherlebt, sondern Sicherheit, Solidarität und Wertschätzung erfahren. Damit

sollen nicht die bekannten Risiken und Grenzen von Debriefings klein geredet werden. In

Abwägung der Argumente pro und contra halte ich es für unverantwortlich, nach

entsprechend schwerwiegenden Einsätzen kein Debriefing durchzuführen. Allerdings: das

Debriefing ist nur eine, eher selten angewendete Maßnahme, um traumatische Belastungen

von Einsatzkräften zu reduzieren. Im Artikel findet keine Erwähnung, dass die wichtigste und

grundlegendste Form, einsatzspezifische Belastungen zu vermeiden, darin liegt, Einsatzkräfte

bereits in ihrer Ausbildung und später immer wieder präventiv psychotraumatologisch zu

schulen.

Die größte zu diesem Thema jemals durchgeführte Studie entstand über mehrere Jahre hinweg

am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der LMU in München (vgl.

www.einsatzkraft.de). Ihr Ergebnis steht der pauschalisierenden, tendenziösen Aussage des

SZ-Artikels entgegen – und wurde, wie andere Fachliteratur, vielleicht deswegen nicht

genannt. Klar ist: es gibt begründete Meinungen, die die Gefahren früher Interventionen

benennen. Die verantwortete Intervention, unabhängig ob in Gruppen oder für einzelne

Personen, unabhängig ob für Einsatzkräfte oder für Hinterbliebene und Überlebende, kann nur

dann hilfreich sein, wenn ihre Grenzen und Gefahren bekannt sind. Diese Erkenntnis

wiederum ist trivial und keinen Artikel wert.

Die im Artikel enthaltene Darstellung einer frühen Intervention gleicht ihrer Karikatur, es fällt

schwer, argumentativ einzelne sinnvolle Stränge frei zu legen. Psychologische Soforthilfe

dauert – der Artikel spricht von drei bis vier Stunden – im Durchschnitt von über 7000 frühen

Interventionen, die in München ausgewertet wurden, durchschnittlich 90 Minuten. Dabei gibt

es viele Betreuungen, die nur 15 Minuten dauern, andere, eher wenige wie z. B. für Eltern

nach dem Tod eines Kindes oder für Hinterbliebene nach Selbsttötung, dauern tatsächlich drei

bis vier Stunden. Dies Betreuung sind allerdings weder Debriefings noch ‚Psycho-Talks’.

Wesentliches Element der peritraumatischen Betreuung ist zunächst das Aushalten der

Sprachlosigkeit und der Trauer betroffener Menschen. Für sie steht im Mittelpunkt die

Erfahrung, in einer namenlosen Situation nicht alleine zu sein, sondern einen Menschen in der

Nähe zu spüren, der Halt gibt und verlässlich da ist. Es geht also nicht um eine

bevormundende Präsenz, die als solche tatsächlich würdelos wäre.

Der Artikel hat nicht ernsthaft zum Inhalt, wie die Situation von betroffenen Menschen

verbessert werden könnte, sondern stellt sich in den Dienst durchsichtiger berufsständischer

Interessen. Damit ist eine Chance vertan, seriös drängende aktuelle Fragen aufzugreifen, die

sich für Menschen stellen, die traumatisiert werden. Das Engagement für traumatisierte

Menschen ist immer interdisziplinär: darin kommen – jeweils an seiner Stelle – der Seelsorger

ebenso vor wie der Sozialarbeiter, Psychologe, Arzt und Psychotherapeut. Von diesem

Miteinander und Ineinandergreifen profitiert der Betroffene, nicht von exklusiven

Ansprüchen. In Bayern ist dies Praxis: alle Akteure in diesem Arbeitsfeld kooperieren in

einem Landesarbeitskreis und treffen gemeinsam Absprachen. Schade, dass Herr Westerhoff

nicht auch vor seiner Haustür in München recherchiert hat.

Dr. phil. Andreas Müller-Cyran, Seelsorger und Psychologe, Leiter des Fachbereiches Notfallseelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat München, ehrenamtlicher Beauftragter PSNV beim ASB München

Druckoptimierte Version   Artikel einem Freund empfehlen

Zurück ]

Publiziert am: Freitag, 09. November 2007 (6014 mal gelesen)
Copyright © by KIT-München


Aufgrund technischer Einschränkungen wurde in den Menüs und Texten dieser Homepage überwiegend die männliche Form gewählt.
Dies stellt keine Diskriminierung dar, sondern bedingt sich alleine durch gestalterische Notwendigkeiten.
Idee, Konzeption und Umsetzung Klaus Dietrich / Design und unterstützende Programmierung ATrösch ®Webdesign
©2007 All Rights reserved by Arbeiter-Samariter-Bund Regionalverband München / Oberbayern e.V.
Seitenerstellung in 0.1174 Sekunden, mit 13 Datenbank-Abfragen